ZDF Jahresrückblick 2018 – „Israel: Es kann nur besser werden.“ Auch beim ZDF.

Kommen Beiträge ungeprüft online? Oder werden tendenziös-falsche Berichte durchgewunken? Wir haben den Intendanten und den Chefredakteur angeschrieben.

24.12.2018

24.12.2018

Sehr geehrter Herr Dr. Bellut,                                                                                              Berlin, 24.12.2018
sehr geehrter Herr Dr. Frey,

mit einigem Unverständnis haben wir, die Mitglieder der WerteInitiative – jüdisch-deutsche Positionen e.V., den ZDF-Jahresrückblick Israel gelesen:
https://www.zdf.de/nachrichten/heute/jahresrueckblich-israel-es-kann-nur-besser-werden-102.html

Das Stück enthält aus unserer Sicht einige Fehlinformationen und fragwürdige Einschätzungen. Wir bitten Sie, den Text vom Internetauftritt des ZDF nehmen zu lassen und uns zu erklären, wie er offensichtlich unredigiert ins Programm genommen werden konnte.

Zu den inhaltlichen Fehlern:

  1. “Zivilgesellschaftliche Gruppen” rufen im März zu “friedlichen Demonstrationen” auf: Anders als in Deutschland oder in Israel ist zivilgesellschaftlichen Gruppen in Gaza eine Meinungsäußerung ohne ausdrückliche Förderung und Unterstützung der Terrororganisationen Hamas und Islamischer Dschihad nicht möglich. Zu unterstellen, eine Art Friedensbewegung habe sich in Gaza in Richtung Grenze in Bewegung gesetzt, halten wir für naiv, wenn nicht sogar bewusst irreführend. Unerwähnt bleiben außerdem brennende Drachen und Ballons, die nach Israel geschickt wurden und dort beträchtlichen Schaden anrichteten, sowie hunderte Raketen, die auf Siedlungen in Israel abgeschossen wurden.
  2. Die Hamas als “Palästinenser-Organisation” zu bezeichnen, entspricht nicht den tatsächlichen Verhältnissen. Die Hamas geht mordend gegen Widersacher in der eigenen Bevölkerung vor, missachtet jegliche Grundsätze freier Meinungsbildung und hat sich die Vernichtung Israels auf die Fahnen geschrieben.
  3. “Als sich das Jahr dem Ende neigt, erschüttern erneut Anschläge von Palästinensern auf jüdische Siedler und Soldaten die Region”: Gemeint sind vermutlich Kim Levengrond und Ziv Hagbi, die ermordet wurden. Es handelt sich bei ihnen allerdings weder um Siedler noch um Soldaten.
  4. Ihre Korrespondentin führt den Einfluss der USA auf die Politik im Mittleren Osten auf und kritisiert ihn. Verschwiegen wird allerdings der Einfluss des Iran, vor allem die Unterstützung Teherans für die Hisbollah. Mit keinem Wort werden etwa die vier  Hisbollah-Terrortunnel erwähnt, die vom Libanon in Richtung Israel gegraben wurden, mit dem Ziel, Terrorkommandos nach Israel zu schmuggeln. Warum diese Einseitigkeit?
  5. Die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels steht lt. Angaben Ihrer Korrespondentin für einen “Wandel der US-Nahost-Politik”: Allerdings stellte bereits der frühere US-Präsident Barack Obama fest, „Jerusalem will remain the capital of Israel, and it must remain undivided. I have no illusions that this will be easy.“ Beachten Sie bitte, dass die US-Botschaft nach Westjerusalem verlegt wurde, wo auch die Knesset ihren Sitz hat. Sollte das ZDF die Auffassung vertreten, Westjerusalem gehöre nicht zu Israel, dürfe dort mithin keine Behörden unterhalten, könnten wir die Haltung Ihres Hauses nicht anders als antiisraelisch bezeichnen.

Meinungsbeiträge wie dieser dienen aus unserer Sicht nicht zur qualifizierten Auseinandersetzung mit dem Geschehen im Mittleren Osten in Deutschland. Wir sind überzeugt, dass sich auch in elektronischen Medien gebotenen Kürze sachlicher und informativer berichten lässt.

Zur WerteInitiative:
Die WerteInitiative hat sich als zivilgesellschaftliche jüdische Stimme in Deutschland seit 2014 etabliert. Sie ist ein gemeinnütziger Verein. Wir setzen uns für die Stärkung der Werte der freiheitlich-demokratischen Grundordnung aus jüdischen Perspektiven ein. Dies tun wir, indem wir den wertebasierten politischen, gesellschaftlichen und medialen Diskurs, das bürgerschaftlich-jüdische Engagement in Deutschland und das deutsch-israelische Verhältnis fördern. Wir sind in Social Media aktiv, führen Hintergrundgespräche und veranstalten Diskussionsrunden wie auch politische Salons.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Elio Adler
Vorstandsvorsitzender

27.12.2018

Sehr geehrter Herr Dr. Adler,

vielen Dank für Ihr Schreiben vom 24. Dezember, in dem Sie den Jahresrückblick unserer Nahost-Korrespondentin Nicola Albrecht ansprechen. Ihre Nachricht wurde zuständigkeitshalber an mich weitergeleitet. Gerne möchte ich Ihnen hiermit antworten.

Lassen Sie mich vorausschicken, dass wir es als öffentlich-rechtlicher Sender als unsere vorderste journalistische Aufgabe ansehen, uns objektiv und kritisch mit Themen auseinander zu setzen. Es ist unser Anspruch, in unseren Sendungen, online und in den sozialen Medien ausgewogen und wahrheitsgetreu zu berichten.

Unsere Korrespondentin hat in dem angesprochenen Artikel einen kurzen Überblick über wichtige Ereignisse gegeben, die sich in Israel und den Palästinensischen Gebieten im Jahr 2018 zugetragen haben. Sie kritisieren „einseitige Fehlinformationen“ und „fragwürdige Einschätzungen“ in dem Text. Ich bedauere, dass Sie diesen Eindruck hatten. Zu Ihren Kritikpunkten:

Sie sprechen die Demonstrationen in Gaza an und kritisieren, dass eine Unterstützung durch die Hamas nicht ausreichend erwähnt würde. Der sogenannte „Great March of Return“ ist keine „Erfindung der Hamas“: Die Protestbewegung wurde ursprünglich von einem palästinensischen Professor initiiert, der zu einem friedlichen Marsch aufgerufen hatte, um auf das Schicksal der Palästinenser aufmerksam zu machen. Er distanzierte sich später davon, als die Hamas die Proteste übernahm. Nicola Albrecht ist während dieser Zeit vor Ort gewesen und hat mehrfach über die Proteste und ihre Folgen auf beiden Seiten des Zauns berichtet, inklusive der von Ihnen beschriebenen Brandballons und des Raketenbeschusses. Seit 2010 reist sie regelmäßig in den Gazastreifen und kennt die Machtstrukturen vor Ort.

Ihre Kritik bezüglich der Anschläge, die Sie in Ihrem Schreiben ansprechen, habe ich an unsere Korrespondentin weitergeleitet, deren Einschätzung sich folgendermaßen darstellt:

Die Anschläge fanden im Dezember im von Israel besetzten Westjordanland statt, nahe der Siedlung Ofra und Givat Assaf. Ich bezog mich nicht auf den Anschlag in Barkan im Oktober. Den Ort oder Kontext eines Attentats zu nennen impliziert keine Rechtfertigung der Gewalt, sondern hilft bei der Einordnung der Geschehnisse.

Außerdem sprechen Sie die offizielle Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels durch die US-Regierung und die Verlegung der Botschaft an. Die Verlegung gilt als hochumstritten, auch weil in früheren Vereinbarungen festgelegt worden war, dass die Jerusalem-Frage am Ende von Friedensverhandlungen bilateral zwischen Palästinensern und Israelis geklärt werden sollen. Die Entscheidung Trumps hat 2018 für Unruhen und Blutvergießen gesorgt.

Genauso wie der Einfluss der USA auf die Politik im Mittleren Osten sind auch Israels militärische Aktivitäten gegen Iran und dessen Stellvertreter in Syrien ein interessanter Aspekt. Angesichts der begrenzten Artikellänge und der Vorgabe, sich auf den israelisch-palästinensischen Konflikt zu kaprizieren, ist das Thema allerdings nicht berührt worden.

Es ist in einem Jahresrückblick wie dem von Ihnen angesprochenen leider nicht möglich, jede Einzelheit noch einmal aufzugreifen. Deshalb hat unsere Nahost-Korrespondentin eine Auswahl getroffen und die wichtigsten Ereignisse zusammengefasst.

In der Hoffnung, Ihre Bedenken mit meinen Ausführungen ausgeräumt zu haben, würde ich mich freuen, wenn Sie dem ZDF-Programm auch weiterhin als interessierter und durchaus kritischer Zuschauer erhalten blieben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Peter Frey

08.01.2019

Sehr geehrter Herr Dr. Frey,

vielen Dank für Ihr Antwortschreiben vom 27.12.2018, in dem Sie auf unsere Bedenken bezüglich des Beitrages „Israel: es kann nur besser werden“ eingehen.

Wir verstehen selbst sehr gut, dass der Konflikt zwischen Israel und den palästinensischen Arabern eine lange, komplexe Geschichte hat und man ihn aus mehreren Perspektiven betrachten kann, welche auch legitime Forderungen beinhalten.

Der Grund unseres Schreibens ist jedoch nicht, dass wir meinen, dass dem Bericht eine Perspektive fehlt. Unsere Intervention hat zwei andere Gründe: zum einen fehlen zum minimalen Verständnis notwendige Fakten und zum anderen halten wir die Auswahl dieses Themas anlässlich eines Jahresrückblicks für problematisch.

Zu den Fakten: Um das Jahr 2018 in Israel und den Palästinensischen Autonomiegebieten verstehen zu können, ist es notwendig zu erwähnen, dass der Iran gezielt Feinde Israels unterstützt, wogegen sich Israel – wie jeder andere Staat an seiner Stelle – verteidigen muss: die Hisbollah im Norden, die Hamas in den Autonomiegebieten und den Islamischen Jihad im Süden. So spielt der Iran eben doch eine entscheidende Rolle für Israel und den Konflikt. In diesem Kontext kann man ebenfalls erwähnen, dass eben diese Organisationen möglichst viele Juden ermorden und Israel vernichten wollen. Sie werden nicht ohne Grund von der EU und den USA als Terror-Organisationen gelistet.

Sie schreiben, dass Trumps Entscheidung, die Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, für Unruhen und Blutvergießen gesorgt hätte. Wir möchten Sie daran erinnern, dass es nicht Trumps Entscheidung war, sondern die des US-Kongresses vom 23. Oktober 1995. Trump hat sie lediglich vollzogen. Auch unterstellen Sie damit quasi einen Automatismus, der davon ausgeht, dass palästinensischen Araber gar nicht anders könnten, als mit Gewalt zu reagieren, sie also keinen Entscheidungsfreiraum hätten. Die Folgen der Botschaftsverlegung in der Region zeigen, dass die meisten arabischen Länder längst verstanden haben, dass nicht das kleine Israel, sondern ganz andere Kräfte das Problem in der Region darstellen. Aber das hat offenbar nicht ins intendierte und kaprizierte Bild des Beitrages gepasst.

Sie erklären in Ihrer Antwort auf unser Schreiben, dass der „Marsch“ zunächst friedlich geplant war. Für die schlimmen Bilder war aber eben nicht der palästinensische Professor verantwortlich, sondern die Hamas mit dem was sie daraus gemacht hat. Auch sind Sie leider nicht auf unseren zweiten Punkt eingegangen: Die Hamas als „Palästinenser-Organisation“ zu bezeichnen, ist in dieser Undifferenziertheit irreführend. Damit werden Sie weder der Gewalt, die von dieser Organisation ausgeht gerecht, noch schaffen Sie genug Distanz zwischen der Hamas und den ebenfalls bei den palästinensischen Arabern vorhandenen Organisationen, die gewaltfrei agieren.

Gerade heutzutage ist eine Ausgewogenheit zum Verständnis kontroverser Inhalte besonders bedeutsam. In diesem Beitrag enthielten die von uns genannten Stellen nicht einmal ein Minimum an zum Verständnis notwendigem und ausgewogenem Kontext. Dadurch entsteht für uns der Eindruck, als sei dies auch gar nicht die Intention der Autorin gewesen.

In Zeiten des in unserer Gesellschaft immer offener zutage tretenden Antisemitismus sollte das ZDF als deutscher öffentlich-rechtlicher Sender besonders sensibel mit diesem Thema umgehen. Die Art und Weise wie deutsche Medien über Israel und den Nahost-Konflikt berichten, hat leider mittelbar Einfluss darauf, wie sicher sich Juden in Deutschland fühlen können. Denn die öffentliche Berichterstattung bestimmt häufig, welches Stimmungsbild über Israel und damit oft auch über uns Juden in Deutschland vorherrscht. Auch Ihr Sender und Frau Albrecht haben daher eine besondere Verantwortung, Israel im Kontext des Nahostkonfliktes nicht in der Berichtsgewichtung einseitig tendenziell negativ darzustellen und damit – wenn auch unbeabsichtigt – zu antiisraelischer Stimmung, die am Ende sehr oft zu antijüdischer Stimmung wird, beizutragen.

Aus Israel hätte es auch abseits des Konfliktes, in einem Jahresrückblick, einiges zu berichten gegeben. So verzeichnet Israel seit einiger Zeit jährlich neue Touristenrekorde und hat ein enormes Bevölkerungswachstum. Das kleine Land ist innovativ wie kaum ein anderes und rettet, vor allem mit seinen medizinischen Innovationen, Leben auf der ganzen Welt – in 2018 beispielsweise das von kriegsleidenden Menschen aus Syrien – um nur einige Beispiele zu nennen. Wir hoffen, Sie verstehen unser Anliegen und überdenken noch einmal, den Beitrag an den jeweiligen Stellen zu überarbeiten.

Gerne stehen wir Ihnen auch für ein persönliches Gespräch zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

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