Offener Brief des jüdischen Vereins WerteInitiative e.V. zur Aktion “Walking The Gaza Monologues”

Stolpersteine sind keine Bühne: Zur Instrumentalisierung des Shoah-Gedenkens beim Festival „48 Stunden Neukölln“

03.07.2026

03.07.2026

Stolpersteine sind keine Bühne: Zur Instrumentalisierung des Shoah-Gedenkens beim Festival „48 Stunden Neukölln“

Vom 3. bis 5. Juli 2026 findet im Rahmen des Kunstfestivals „48 Stunden Neukölln“ die Aktion „Walking The Gaza Monologues“ statt: ein audiogeführter Rundgang des Ashtar Theatre aus Ramallah, bei dem die „Gaza Monologues“ entlang von Stolpersteinen in Neukölln inszeniert werden – entlang jener Gedenksteine also, die an jüdische Nachbarinnen und Nachbarn erinnern, die von Deutschen aus ihren Häusern gerissen, deportiert und ermordet wurden.

Wir sagen in aller Deutlichkeit: Das ist keine Kunst, die Grenzen auslotet. Das ist eine kalkulierte Grenzverletzung. Wer Texte über den Gaza-Krieg gezielt an Stolpersteinen aufführt, stellt die Shoah und den Krieg Israels gegen die Terrororganisation Hamas in eine Linie. Diese Gleichsetzung ist historisch falsch, sie ist perfide – und sie ist nach der Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA), zu der sich die Bundesrepublik und das Land Berlin bekennen, antisemitisch. Aus den Nachfahren der Opfer werden Täter gemacht, aus dem Gedenken an ermordete Jüdinnen und Juden wird eine Anklage gegen den jüdischen Staat. Das ist Täter-Opfer-Umkehr in Reinform, ausgetragen auf dem Rücken der Toten.

Stolpersteine sind das dezentrale Gedächtnis dieser Stadt. Jeder einzelne Stein steht für einen Menschen, für einen Namen, für ein ausgelöschtes Leben. Sie gehören den Ermordeten und ihren Nachkommen – nicht einem Theaterprojekt, das sie als Kulisse für eine politische Botschaft missbraucht. Wer das Andenken der Shoah-Opfer derart instrumentalisiert, verhöhnt sie ein zweites Mal.

Uns ist bewusst: Die Strafbarkeit dieser Aktion ist nicht gegeben. Aber was legal ist, ist deshalb noch lange nicht legitim. Die Kunstfreiheit schützt vor staatlichem Verbot – sie verpflichtet niemanden, einer solchen Geschmacklosigkeit eine Bühne, ein Festival und öffentliche Mittel zur Verfügung zu stellen. Es ist ein Armutszeugnis für den Berliner Kulturbetrieb, dass israelbezogener Antisemitismus dort inzwischen so selbstverständlich geworden ist, dass er als Programmpunkt eines etablierten, öffentlich geförderten Festivals durchgewunken wird.

Wir fordern daher:

Erstens: Die Veranstalter von „48 Stunden Neukölln“ müssen die Rundgänge unverzüglich absagen. Wer sie stattfinden lässt, macht sich die Relativierung der Shoah zu eigen.

Zweitens: Die öffentlichen Förderer des Festivals – auf Bezirks- wie auf Landesebene – müssen prüfen, ob und wie Steuergelder in ein Programm fließen, das das Gedenken an die Opfer der Shoah gegen Jüdinnen und Juden von heute wendet. Öffentliche Kulturförderung ist kein Freibrief für Antisemitismus im Gewand der Kunst.

Drittens: Wir erwarten von den politisch Verantwortlichen in Neukölln und im Land Berlin eine klare, öffentliche Distanzierung. Schweigen ist hier keine Neutralität, sondern Zustimmung.

Achtzig Jahre nach der Shoah werden in Berlin Gedenksteine für ermordete Juden zur Bühne einer Erzählung gemacht, die Israel zum Täter eines „neuen Völkermords“ erklärt. Wer dazu schweigt, hat aus der Geschichte, an die diese Steine erinnern, nichts gelernt.

Elio Adler
Vorsitzender