Antwort erhalten: SWR-Kindernetz stellt IL-Pal Konflikt völlig verzerrt dar

Unser Schriftwechsel bzgl. Artikel: „Ein Land braucht Frieden" hat zur Überarbeitung der völlig verzerrten Darstellung geführt

19.05.2020

Der Intendant des SWR, Prof. Kai Gniffke hat sehr positiv reagiert. Der fragliche Bericht ist offline und wird überarbeitet. Gut so und Danke!

18. Mai 2020: Die Antwort des SWR

Sehr geehrter Herr Dr. Adler,

auf Ihren offenen Brief möchte ich gerne reagieren. Wichtig ist mir aber zu betonen, dass mich Ihr ursprüngliches Schreiben nicht erreicht hat. Darum ist auch bisher die Antwort ausgeblieben.
Nach Rücksprache mit den zuständigen Kolleginnen und Kollegen kann ich Ihnen Folgendes mitteilen: Der Artikel, auf den Sie sich beziehen, befindet sich im Archiv unseres SWR Kindernetzes.

Er stammt ursprünglich aus dem Jahr 2008 und ist fälschlicherweise vor zwei Jahren unkritisch übernommen und mit einem aktualisierten Datumsstempel versehen worden. So war eine Einordnung in einen zeitlichen Kontext nicht mehr ersichtlich.

Der Einstiegssatz (Punkt 4) stammt also aus einer Zeit (2008), in der es viele Angriffe gegeben hat. Grundsätzlich gilt, das zeigt unsere Erfahrung, dass für Kinder derart komplexe Geschehnisse stark vereinfacht erklärt werden müssen.

Darunter fallen die unter den Punkten 1 und 3 aufgeführten Sachverhalte. Besonders bei politischen Themen ist dies oft eine Gratwanderung.

Wir bemühen uns immer um Objektivität und der Bereich bedauert es sehr, wenn hier ein falscher Eindruck erweckt wurde.

Der Artikel ist vorerst entfernt worden. Wir werden uns um ein adäquates neues Angebot kümmern.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Kai Gniffke



1. Mai 2020: Unser Anschreiben

1. Mai 2020

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Kai Gniffke,

wir, die WerteInitiative – jüdisch-deutsche Positionen, schreiben Ihnen anlässlich des Artikels „Ein Land braucht Frieden“, der im SWR-Kindernetz erschienen ist und in das Verhältnis zwischen Israel und Palästina einführen soll. (https://www.kindernetz.de/infonetz/politik/palaestina/-/id=441582/nid=441582/did=118840/tq2geq/index.html).

Die WerteInitiative hat sich seit 2014 als zivilgesellschaftliche jüdische Stimme in Deutschland etabliert. Wir sind angetreten, um die Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland zu sichern. Daher setzen wir uns für die Stärkung der Werte der freiheitlich-demokratischen Grundordnung aus jüdischer Perspektive ein. Dies tun wir, indem wir den wertebasierten politischen, gesellschaftlichen und medialen Diskurs, das bürgerschaftlich-jüdische Engagement in Deutschland und das deutschisraelische Verhältnis fördern. Für weitergehende Informationen empfehlen wir, unsere Webseite zu besuchen: https://www.werteinitiative.de/.

Wir leben in einer Zeit, in der gesellschaftliche Gräben tiefer werden und deutsche Jüdinnen und Juden Antisemitismus immer stärker zu spüren bekommen. Einen wesentlichen Teil davon macht israelbezogener Antisemitismus aus. Er dämonisiert und delegitimiert Israel und bewertet sein staatliches Handeln im Gegensatz zu dem der anderen Konfliktparteien mit doppelten Standards.
Daher ist uns ein achtsamer Umgang mit dem Themenkomplex des Konflikts zwischen Israelis und palästinensischen Arabern gerade in der pädagogischen Vermittlung sehr wichtig. So wichtig es ist, sich dieses Themas anzunehmen, so sehr darf das Thema nicht unangemessen verkürzt und wichtige Erklärungsmuster verschweigen werden.



Zur Website:
1.
Die Autorin, Frau Amann, erhebt den Anspruch aufzuklären, wie es „überhaupt zu dieser Krise“ kam:

„Der Streit zwischen Israelis und Palästinensern dreht sich darum, wo genau die Grenzen verlaufen sollen.“

Diese Aussage enthält eine massive Verzerrung: Wenn der einfache Grenzverlauf das Problem des sog. „Nahostkonflikts“ wäre, gäbe es schon seit 1948 einen Staat mit dem Namen „Palästina“. Die Arabische Liga lehnte den UN-Teilungsplan nicht aufgrund des Grenzverlaufes ab. Sie lehnte die israelische Staatsgründung in ihrer Gänze ab und erklärte Israel den Vernichtungskrieg. Erinnert sei z.B. auch an die „drei Neins“, der sog. „Khartum-Resolution“: „NO peace with Israel – NO recognition of Israel – NO negotiations with Israel“.
Die Gründung eines arabisch-palästinensischen Staates ist nicht an Israel gescheitert. Wesentlich dafür ist auch die Uneinigkeit der palästinensischen Araber: Die Fatah in der Westbank, die Hamas in Gaza, die Geflüchteten in den Nachbarstaaten und schließlich die arabischen Staatsbürger Israels.

Mit welcher von diesen Gruppen soll Israel rechtssicher verhandeln?

2.
Ein weites Problem: Laut der Autorin wollen

„Radikale auf beiden Seiten (…) das ganze Gebiet für ihre Gruppe.“

Hier wird gleichgemacht, was nicht gleich ist. Auf der einen Seite eine demokratische Regierung, ein Rechtsstaat. Auf der anderen Seite etliche zersplitterte Gruppen, die, jede für sich, eigene
Ansprüche stellt. Die Forderung nach „dem ganzen Gebiet“ für Israel erhebt in Israel lediglich eine Minderheit und kämpft zur Durchsetzung ihrer Meinung nicht gegen die palästinensischen Araber, sondern, im Rahmen des demokratischen Diskurses, gegen andere israelische Gruppen, die hier eine andere Haltung vertreten.
Auf einer der anderen Seiten des Konflikts steht die Hamas, eine Terrororganisation. Sie fordert bis zum heutigen Tage die vollständige Vernichtung Israels und bringt diejenigen ihrer Landsleute um, die gegen sie die Stimme erheben. Ferner gibt es noch die Fatah in der Westbank, welche in erschreckender Weise einen sog. Märtyrer-Kult pflegt, Schulen und Straßen nach getöteten Terroristen benennt, Terrorrenten zahlt und bis heute von einem „Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer“ fabuliert. Ihr Kampfruf ist auch heute noch: „From the river to the sea – Palestine will be free!”.

3.
Diesen Kampfruf, der für einen jüdischen Staat keinen Quadratzentimeter Platz lässt (vgl. Frau Ammans „Streit um Grenzen“), übernimmt Ihre Autorin dann auch 1:1 und gibt ihn als Faktum
wieder:

„Palästina ist klein. Vom Mittelmeer zum Jordan, der Grenze zum Nachbarland Jordanien,…“

4.
Einen anderen Aspekt bringt diese Aussage:

„Nachrichten aus dem Nahen Osten sind selten gute Nachrichten: Es geht um gescheiterte Friedenspläne, Krieg, Hass und Gewalt.“

Diese Region ausschließlich als Krisenregion zu lehren, trägt dazu bei, dass sie i.S.e. „self-fulfilling prophecy“ auch eine bleibt. Ihre Leser, oder besser die lernenden Kinder, sehen die Region durch diese Brille. Es gäbe zumindest erwähnenswerte, positive Aspekte, welche Anknüpfung für Hoffnung und Perspektiven für Kinder sein könnten: Es gab und gibt durchaus
Friedensverhandlungen, die zu einem positiven Ergebnis führten. Als Beispiel seien nur die Friedensverträge zwischen Israel und Jordanien oder Israel und Ägypten genannt. Gemeinsame
Projekte, Freundschaften, Kultur, Küche usw.. Wir jüdischen Deutschen erleben, wie groß die Macht der hasserfüllten Narrative ist, die aus dem Nahen Osten hierher dringen. Unterschätzen Sie bitte nicht ein weiteres Problem Ihres Textes: Was sagen z.B. palästinensisch-arabischstämmige Kinder, die in Deutschland leben zu ihren Familienmitgliedern im Nahen Osten? Lässt Ihr Text zu, dass er von außen beruhigend wirkt oder verleitet er sie, den Konflikt durch Übernahme eines einseitigen Narratives zu befeuern?
Das grundlegende Problem in diesem Artikel ist seine Tendenziösität. Er bedient eine einseitige Sicht auf den Konflikt zwischen Israelis und palästinensischen Arabern und ist dazu geeignet,
sowohl den Konflikt vor Ort, als auch von uns in Deutschland erlebten Antisemitismus anzuheizen.
Ein so wichtiges pädagogisches Projekt und Medium wie das „Kindernetz“ sollte – bei aller Komplexität des Themas und der dennoch für Kinder gebotenen Kürze der Darstellung – die junge
Generation, gerade in heutigen Zeiten sichtbaren Antisemitismus, durch ausgewogene Informationen zu einer eigenen Meinungsbildung anregen.
Eine Überarbeitung der aktuellen Darstellung halten wir daher für dringend notwendig. Unsere Mitglieder, die uns auf Ihre Seite hingewiesen haben, möchten erfahren, wie bzgl. der hier
im Text angesprochenen Textstellen Ihrerseits weiter vorgegangen wird. Gerne werden wir nicht nur dieses Schreiben allein, sondern gleich in Verbindung mit einer positiven Reaktion zeitnah
veröffentlichen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Elio Adler
– Vorsitzender –


1.5.2020:

Da wir leider keine Antwort von Herrn Professor Gniffke erhalten haben, können wir nur unseren Brief veröffentlichen.

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